Ein "Kindertransporte-Denkmal" am Frankfurter Hauptbahnhof errichten
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Stellungnahme des Magistrats vom 13.03.2017, ST 568
Betreff: Ein "Kindertransporte-Denkmal" am Frankfurter Hauptbahnhof errichten Der Magistrat der Stadt Frankfurt am Main befürwortet die Idee eines "Denkmals" sowie den Standort in Nähe des Hauptbahnhofs ausdrücklich und prüft derzeit den Vorschlag, im Bereich des Ortsbezirks 1, vorzugsweise in Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs, ein Denkmal "Kindertransporte" zu errichten, oder sollte dies dort aus baulichen Gründen aufgrund der Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes in absehbarer Zeit nicht möglich sein, zumindest in Sichtachse des Frankfurter Hauptbahnhofs. Mit dem Verein Jüdisches Leben in Frankfurt am Main. Spurensuche - Begegnung - Erinnerung e. V., der die Projektidee bereits vor einigen Jahren initiiert hat und dazu auf seiner Website (www.juedisches-leben-frankfurt.de/home/kindertransporte) informiert, steht der Magistrat bereits im engen Austausch. Zwischen Ende November/Anfang Dezember 1938 und 1940 wurden zur Rettung von mehr als 23.000 jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen "Kindertransporte" initiiert - meist nach Großbritannien, das allein etwa 10.000 junge Menschen aufnahm. Der deutsche Begriff "Kindertransport" ging sogar in die englische Sprache ein. Der NS-Staat gestattete in diesem schmalen Zeitfenster die Ausreisen aus dem Deutschen Reich und stellte dafür Sonderzüge der Deutschen Reichsbahn zur Verfügung. Die Züge verließen das Deutsche Reich auch vom Frankfurter Hauptbahnhof, wohin die verzweifelten Eltern ihre Kinder begleiteten. Meist war es ein Abschied für immer, für den oft nur eine sehr kurze Vorbereitungszeit blieb. "Wir teilen Ihnen hiermit mit, dass Ihr Kind ... an den nächsten England-Transport am Mittwoch, den 3. Mai, eingesetzt ist. Voraussichtlich wird der Zug 7.57 [Uhr] ab Frankfurt a. M. benutzt. In diesem Fall ist der Treffpunkt 7.15 Uhr an den Bänken links neben dem Blumenstand, Handgepäck ist dort zusammenzustellen." Jüdische Wohlfahrtspflege, Frankfurt/ Main, 25. April 1939 (Yad Vashem Archives) In Folge des November-Pogroms fungierte Frankfurt als das Zentrum der "Kindertransporte" für den gesamten südwestdeutschen Raum. Unmittelbar nach der Entfesselung des reichsweiten Terrors brachten zahlreiche im näheren oder entfernteren Umland lebende Familien ihre Kinder in jüdische Einrichtungen der Main-Metropole, etwa in das Israelitische Waisenhaus, Röderbergweg 87, das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V., Hans-Thoma-Straße 24, oder in das Kinderheim der Flersheim-Sichel-Stiftung, Ebersheimer Straße 5. Von dort sollte ihnen - wie auch den Kindern aus Frankfurter Familien - die Flucht nach Großbritannien, Holland, Frankreich, Belgien, Schweden oder in die Schweiz ermöglicht werden. Annoncen in Tageszeitungen zeugen von akuter Not der Eltern, Pflege- oder Adoptiv-Familien für ihre Kinder im Ausland zu finden. Die praktische Durchführung oblag der Zentralwohlfahrtsstelle bei der "Reichsvertretung der Juden in Deutschland" sowie der Israelitischen Kultusgemeinde Wien im Zusammenspiel mit ausländischen Flüchtlingsorganisationen oder religiösen Hilfseinrichtungen, etwa der Quäker. Das Denkmal oder die Installation wäre eine sinnvolle Ergänzung bereits vorhandener Erinnerungsorte in der Stadt, etwa der Gedenkstätte Neuer Börneplatz, der Gedenktafel für den Britischen Generalkonsul Robert T. Smallbones in der Guiollettstraße oder der Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle. Hinzukommen wird im Frühjahr 2017 noch ein Kunstdenkmal zur Erinnerung an das Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V., Hans-Thoma-Straße 24. Das Thema "Kindertransporte" ist für Frankfurt gut erforscht: durch Publikationen, die Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz und zahlreiche Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die als Kinder und Jugendliche aus Frankfurt oder anderen Kommunen gerettet wurden. Das Denkmal oder die Installation böte für die pädagogische Arbeit mit Schülerinnen und Schülern die Auseinandersetzung mit Kunst im Stadtraum und könnte anschaulich Bezüge zu den aktuellen Themen Flucht und (minderjährige) Flüchtlinge herstellen. Nach London (2006), Wien (2008), Berlin (2008), Danzig (2009), Hoek van Holland, Rotterdam (2011) und Hamburg (2015) sollte auch Frankfurt mit einem Denkmal oder einer Installation an die herausragenden Rettungsaktionen erinnern, aber auch an die vielen Schicksale und das schmerzhafte Leid. Vier von zehn geretteten Kindern aus dem Deutschen Reich sahen ihre Eltern und näheren Angehörigen nicht wieder; sie erfuhren meist erst nach dem Zweiten Weltkrieg, dass ihre Familien von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. Nur wenige entschieden sich später für eine Rückkehr nach Deutschland. Mit Ausnahme einer Einzelskulptur am Wiener Westbahnhof wurden die o. g. Denkmale von dem in Danzig geborenen israelisch-britischen Architekten und Bildhauer Frank Meisler entworfen. Meisler zählte selbst zu den Kindern, die im August 1939 via Kindertransport aus Danzig nach Großbritannien gerettet worden waren. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Die Meislerschen Denkmale bilden jeweils Momentaufnahmen im Leben der Eltern, ihrer Kinder und der Begleitpersonen ab. In ihr spiegeln sich so extreme Befindlichkeiten wie der endgültiger Abschied, Trennung, Sorge, Angst, Trauer und Leid auf der einen Seite sowie Aufbruch, Erwartung, Abenteuer, Skepsis, Rettung auf der anderen Seite. Die Kinder reisten nicht allein, sondern wurden häufig begleitet; die Helferinnen und Helfern pendelten wiederholt zwischen Frankfurt und den rettenden Zielorten und brachten sich dabei auch selbst in Lebensgefahr. Die jeweilige künstlerische Umsetzung stellte sicherlich eine besondere Herausforderung dar. Nur auf den zweiten Blick und in Kenntnis der anderen Denkmale erfahren die Betrachterinnen und Betrachter bei aller Ähnlichkeit der Figurenprogramme, auch in ihrer Materialität, unterschiedliche Situationen, etwa in London die erwartungsfrohe Ankunft der Kinder oder in Berlin mit zwei Kindergruppen die Rettung ins Exil und die Massendeportation in den Tod. Wenn die Arbeiten zur Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes, die seit längerem gemeinsam mit der Eigentümerin des Geländes, der Deutschen Bahn, geplant werden, abgeschlossen sein werden, wäre an dieser Stelle die Realisierung eines weiteren Denkmals "Kindertransporte" ähnlicher Gestalt durch Frank Meisler möglich. Nachdenklich stimmt, dass für den Platz seit mehr als zehn Jahren der Entwurf eines "Denkmals für Gastarbeiter" noch immer der Umsetzung harrt. Eine beispielsweise über einen künstlerischen Wettbewerb neu zu entwickelnde Installation "Kindertransporte" ließe hingegen mehr Spielraum für Assoziationen und Begleitmaterialien. Bei der Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle etwa sind es allein Zitate von ermordeten Jüdinnen und Juden, von Überlebenden oder Beobachtern der Deportationen, die eindrucksvoll von den Massenverbrechen erzählen. Das Thema "Kindertransporte" kann zudem audio-visuell durch zahlreiche Interviews der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gut belegt werden. Der Magistrat wird in Abstimmung mit dem Ortsbeirat und dem Verein Jüdisches Leben in Frankfurt am Main die verschiedenen Möglichkeiten prüfen. Anlage _Bildmaterial (ca. 417 KB)