Provenienzforschung in Frankfurter Museen weiter ausbauen und fördern
Bericht
Die Erforschung der Provenienzen von Objekten, die möglicherweise unrechtmäßig in die Sammlungen der städtischen Frankfurter Museen gelangt sind, ist dem Magistrat und auch den Häusern ein wichtiges Anliegen, das seit Jahren in Rahmen von Forschungsprojekten, Ausstellungen und wissenschaftlichen Recherchen verfolgt wird. Schon im Jahr 2018 befassten sich vier Ausstellungen im Rahmen eines bisher einzigartigen Kooperationsprojekts unter dem Titel "Gekauft. Gesammelt. Geraubt?" im Historischen Museum, im Jüdischen Museum, im Museum Angewandte Kunst und im Weltkulturen Museum mit dem Thema und verfolgten das gemeinsame Ziel, 80 Jahre nach der Reichspogromnacht (1938) und 20 Jahre nach Verabschiedung der Washingtoner Prinzipien (1998) der Öffentlichkeit zu vermitteln, welche herausragende Bedeutung die Herkunft der Objekte und die Provenienzforschung heute im Umgang mit Museumsgut haben. Zu dieser und anderen Gelegenheiten wurden in der Vergangenheit durch die einzelnen Häuser oder deren Verbund verschiedene Fördermöglichkeiten auf Bundes- und Landesebene genutzt, zahlreiche Projekte wurden durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste unterstützt. In jüngster Zeit versetzt der beschlossene Etatantrag E 98 aus dem Jahr 2022 das Weltkulturen Museum und das Historische Museum in die Lage, sich gezielt im Rahmen von Projekten mit den Provenienzen von Kulturgütern aus kolonialem Kontext zu befassen. Es wäre wünschenswert, die Erforschung von Provenienzen unabhängig von durch Drittmittel geförderten Projekten im Rahmen der regulären wissenschaftlichen Tätigkeit der Museen personell und mittelmäßig dauerhaft zu verankern, ein entsprechendes Budget steht dem Magistrat derzeit jedoch leider nicht zur Verfügung. Ein entsprechender Mehrbedarf ist für den nächsten Doppelhaushalt hinterlegt. Das städtische Kulturamt unterstützt derzeit entsprechende Projekte sowohl städtischer als auch nichtstädtischer Institutionen nach Kräften im Rahmen der vorhandenen Förderstrukturen. Bereits heute handelt die Stadt Frankfurt bei Restitutionen nach der Maßgabe, faire und gerechte Lösungen im Sinne der Washingtoner Erklärung herbeizuführen. Für den Bereich der Kulturgüter aus kolonialen Kontexten ist als bedeutendes Beispiel der jüngeren Vergangenheit die Rückgabe des historischen Lederhemds des bekannten politischen Führers der Teton Lakota, Chief Daniel Hollow Horn Bear (†1913 in Washington, D.C.) aus der Sammlung des Weltkulturen Museums an den Urenkel und Nachfolger Chief Duane Hollow Horn Bear in Rosebud, South Dakota, USA, am 12. Juni 2021 zu nennen. Auch wenn keine Unrechtmäßigkeit des Objekterwerbs nachgewiesen werden konnte, entschied sich der Magistrat aus moralischethischen Erwägungen für eine Repatriierung. Bei der Digitalisierung der Sammlungsbestände handelt es sich um einen langfristigen und ressourcenintensiven Prozess. Die städtischen Museen haben ihn bereits vor einigen Jahren begonnen und trotz eng begrenzter Ressourcen beachtliche Fortschritte gemacht. Um den Prozess der Sammlungsdigitalisierung zu unterstützen, haben das Dezernat Kultur und Wissenschaft und das Kulturamt Frankfurt verschiedene Maßnahmen, wie z. B. die Einrichtung einer zentralen Digitalisierungswerkstatt im Historischen Museum Frankfurt, ergriffen. Die hierfür bereitgestellte Infrastruktur (u. a. Hochleistungsscanner, Negativscanner und Servicekräfte) wird von allen städtischen Museen genutzt. Durch diese neue Stufe der Massendigitalisierung konnte der bisherige Digitalisierungsprozess der hauseigenen Sammlungen beschleunigt und kostengünstiger gestaltet werden. Darüber hinaus können die städtischen Museen einmal jährlich Mittel aus dem Digitalisierungsbudget des Kulturdezernates beantragen, um ausgewählte Digitalisierungsprojekte umzusetzen. Neben diesen Maßnahmen finanziert das Dezernat Kultur und Wissenschaft eine externe Fachkraft, die den Mitarbeitenden in Form von Workshops, Austauschtreffen und individuellen Beratungsgesprächen Unterstützung im komplexen Prozess der Sammlungsdigitalisierung bietet. Ziel ist es, den Austausch zwischen den beteiligten Museen zu steigern und häuserübergreifende Synergien und Lernprozesse zu fördern. Diesem Ansatz folgend wurde das METAhub-Framework entwickelt, das als gemeinsamer Datenpool mit integriertem Content Management System in der Lage ist, voneinander isolierte Datenobjekte verschiedener Sammlungen zusammenzuführen und für Online-Anwendungen bereitzustellen. Eine öffentlich zugängliche Datenbank mit dem Fokus Provenienzforschung wäre grundsätzlich über das Framework realisierbar, wenn die hierfür benötigten Personal- und Finanzressourcen bereitgestellt werden. Zunächst sind die Sammlungsdatenbanken jener Museen mit kolonialem Kulturgut nämlich über einen internen, arbeitsintensiven Prozess vorzubereiten. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der städtischen Museen arbeitet das Kulturdezernat derzeit an der Weiterentwicklung des METAhub-Frameworks. Ziel ist es, sammlungsbezogene Provenienzangaben gemäß häuserübergreifender Standards zu erfassen und in das Framework zu migrieren. Mit Hilfe einer sich in der Entwicklung befindenden OAI-Schnittstelle sollen aus dem Framework weitere Aggregatoren wie bspw. die Forschungsdatenbank "Proveana" des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste bedient werden. Um diese wichtigen Entwicklungsschritte zu ermöglichen, finanziert das Kulturdezernat externe Beratungsleistungen bzw. stellt ein Entwicklungsbudget bereit. Grundsätzlich sind derzeit mehrere städtische Museen mit der Erforschung von Pronvenienzen von Objekten aus kolonialem Kontext in ihren Sammlungen befasst, die im Einzelnen wie folgt Stellung nehmen: Weltkulturen Museum Mit mehr als 65.000 Objekten und mehr als 100.000 Fotografien aus fünf Kontinenten kann die koloniale Provenienzforschung nur eine langfriste Aufgabe sein. Unrechtskontexte werden auch über die (deutsche) Kolonialzeit hinaus sowie außerhalb deutscher Kolonien festgestellt. Im Prozess der Dekolonisierung spielen Provenienzforschung und die digitale Bereitstellung von Sammlungsbeständen eine wesentliche Rolle, um gemeinsam und auf Augenhöhe mit den Herkunftsgesellschaften die Sammlungsbestände aufzuarbeiten. Viele Staaten, aber auch ehemals kolonisierte lokale Gemeinschaften sind dabei, internationale Repatriierungsstrategien zu entwickeln und treten vermehrt mit dem Weltkulturen Museum in Kontakt. Daher muss dringend eine unbefristete Stelle für die Koordinierung von Provenienzforschung eingerichtet werden, um Provenienzforschung systematisch und proaktiv zu leisten. Zusätzlich wäre es dringend erforderlich, dass jede Regionalsammlung des Museums (Afrika, Asien, Südostasien, Nordamerika, Südamerika, Ozeanien und Australien) sowie die Sammlung visuelle Anthropologie jeweils befristete projektbasierte Stellen für regionalspezifische Provenienzforschung erhalten. Nur so ist es möglich, eine langfristige und nachhaltige Aufarbeitung auf Augenhöhe mit den Herkunftsgesellschaften sicherzustellen. Alle Sammlungsgegenstände sind digital erfasst, wurden jedoch noch nicht online veröffentlicht, da insbesondere in der Sammlung visuelle Anthropologie noch zahlreiche Digitalisierungen erforderlich sind. Die baldige Onlinestellung ist für die Kommunikation mit den Herkunftsgesellschaften dringend erforderlich. Momentan haben lokale Gemeinschaften und Staaten keine Möglichkeiten, sich vorab über die Bestände des Frankfurter Museums zu informieren, und jede einzeln gestellte Anfrage wird von den Regionalkustodinnen und -kustoden einzeln und mehrfach beantwortet. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg war die Einrichtung der Stelle "Digitales Sammlungsmanagement". Für eine effektive Umsetzung sind weitreichende Finanzmittel notwendig, die die Onlinestellung einer öffentlichen Datenbank sowie die Intensivierung der digitalen Erfassung abdecken. Auch die Einbindung der Erkenntnisse von Provenienzforschung in die öffentliche Datenbank muss finanziell und personell gedeckt sein. Ergänzend wird eine personelle Aufstockung im Bereich Informationstechnik und Digitalisierung, wie sie in anderen Häusern vorhanden ist, gebraucht. Historisches Museum Das HMF hat keine Sammlungsbestände, die eine Erwerbungsgeschichte aus kolonialen Kontexten aufweisen. Die ethnologischen Objekte wurden mit der Gründung des "Völkermuseums" (heute Weltkulturen Museum) zu Beginn des 20. Jahrhunderts an dieses abgegeben. Als stadtgeschichtliches Museum gibt es dennoch zahlreiche Sammlungsobjekte, die auf die kolonialgeschichtlichen Bezüge der Handels- und Messestadt Frankfurt seit dem ausgehenden Mittelalter verweisen. Diese Bezüge in der Stadtgeschichte und in den Sammlungen des HMF werden aktuell im Rahmen eines auf zwei Jahre angelegten Forschungsprojekts (ermöglicht durch den Etatantrag E 98 (2022), seit September 2023 begonnen) erforscht, die zugehörige Publikation "Frankfurt und die Kolonialgeschichte" ist im Mai 2024 erschienen. Es ist nicht zu erwarten, dass die Überprüfung der Museumssammlungen unrechtmäßige Erwerbungen von Sammlungen (in kolonialen Kontexten) aufdecken wird. Was aber zu erwarten ist, sind zahlreiche und weitreichende Zusammenhänge der Stadtgeschichte mit kolonialgeschichtlichen Kontexten, vom 15. Jahrhundert bis heute. Diese sollen nach dem Abschluss des o.g. Forschungsprojekts weiter untersucht sowie in der Sammlungsdokumentation des Museums dokumentiert und publiziert werden. Darüber hinaus soll ein großes Ausstellungsprojekt über "Frankfurt und der Kolonialismus" (Arbeitstitel) vorbereitet werden. Dafür werden sowohl Personal- wie Sachmittel benötigt. Sobald der Umfang des Projekts besser ersichtlich ist, wird ein Antrag dazu vorgelegt. Institut für Stadtgeschichte Das Institut für Stadtgeschichte verwahrt in seinen Sammlungen kein Kulturgut aus kolonialen Kontexten und betreibt dementsprechend keine ethnologische Provenienzforschung. Das Institut für Stadtgeschichte unterstützt aber auch weiterhin die kommunalen Museen Frankfurts und Kulturinstitutionen international bei Anfragen zur Provenienzforschung durch die Verfügbarmachung historisch relevanter Quellenbestände und Beratung zur Recherche. Jüdisches Museum Frankfurt In der Sammlung des Jüdischen Museums befinden sich keine Objekte, die in kolonialen Zusammenhängen geraubt oder unrechtmäßig erworben wurden. Daher nimmt das Haus keine Provenienzforschungen in diesem Zusammenhang, wohl aber im Zusammenhang mit während der NS-Zeit geraubten oder unrechtmäßig angeeigneten Objekten vor. Museum Angewandte Kunst Am Museum Angewandte Kunst förderte das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) in Magdeburg in jüngster Zeit zwei befristete Provenienzforschungsprojekte (2016 bis 2019 und 2019 bis 2022) mit der Stelle einer Wissenschaftlichen Mitarbeiterin:
- Systematische Erforschung der kunsthandwerklichen Sammlungsbestände des Museums Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, auf unrechtmäßig angeeignete Kunstobjekte aus jüdischem Besitz sowie Klärung offener Fragen zu verbliebenen Objekten aus der Sammlung Goldschmidt-Rothschild (Förderbereich NS-Raubgut)
- Die Sammlung Carl Cords (1879-1945) - Erforschung einer bedeutenden Ostasiatika-Sammlung des Museums Angewandte Kunst, Frankfurt a.M. (Förderbereich NS-Raubgut) Wie Forschungsergebnisse zeigen, konnte Raubgut auch erst Jahre nach einem NS-verfolgungsbedingten Entzug und Jahrzehnte nach einer möglichen kolonialzeitlichen Plünderung in die Sammlung des Museums Angewandte Kunst gelangen. Die bisweilen komplizierte wissenschaftliche Identifizierung von Raubgut im Rahmen der Provenienzforschung am Museum Angewandte Kunst, besonders aber auch von Interferenzen dieser zwei Untersuchungsfelder, enthüllte in diesem Zusammenhang mitunter längst vergessene Objektbiographien mitsamt ihren politischen und soziokulturellen Kontexten. Bei der Erforschung "kolonialer Provenienzen" rückten neben den Akteuren auch die Umstände des möglicherweise kolonialzeitlichen Erwerbs ins Visier. Im Rahmen des DZK-geförderten Verbundprojekts "Spuren des ‚Boxerkrieges' in deutschen Museumssammlungen - eine gemeinsame Annäherung", an dem sich das Museum Angewandte Kunst beteiligte, wurde diese Recherche an Fallbeispielen vertieft. Das Museum Angewandte Kunst ermittelt den Wert seiner Sammlungen im Zuge seiner Provenienzforschung und den aktuellen Diskussionen um das Thema nach ethischen Kriterien neu. Zusätzlich zu bestehenden Wertzuschreibungen (z.B. Authentizitätswert, Seltenheitswert oder Denkmalwert) erweitert das Museum den Wertekanon - dienen heute doch besonders die Herkunftsgeschichte und Erwerbsumstände einzelner Objekte als Parameter zur ideellen Bewertung der Bestände. So befasst sich die Provenienzforschung am Haus mit dem Provenienzwert unter besonderer Berücksichtigung von Raubkunst und Kulturgutentziehungen in der Kolonialzeit und im Nationalsozialismus. Ebenso brisant ist der illegale Handel mit Antiken. Bei der musealen Arbeit fragt die Wertschöpfungsmoral nach der (historischen) Verantwortung bei der Sammlungspflege, weitet den Blick für die Geschichten der Objekte sowie ihrer einstigen Besitzer und berücksichtigt Formen einer angemessenen Erinnerungskultur sowie "faire und gerechte Lösungen" für sogenannte streitbefangene Objekte. Weitgehend alle Objekte im gesamten Museumsbestand sind heute digital in der internen Museumsdatenbank (BeeCollect) erfasst und sollen Schritt für Schritt zukünftig als Digitale Sammlung allgemein zugänglich gemacht werden. Bei bereits bearbeiteten Provenienzfällen wurde der Sachverhalt in der Museumsdatenbank vermerkt, auch bei jenen, bei denen die Provenienz bisher nicht abschließend geklärt oder bei denen kein rechtmäßiger Eigentümer ermittelt werden konnte. Ein Provenienzeintrag ist auch in der Digitalen Sammlung vorgesehen. Allerdings stehen dem Museum Angewandte Kunst für eine angemessene Stelle einer Wissenschaftlichen Mitarbeit im Bereich Provenienzforschung seit Abschluss des letzten Provenienzforschungsprojekts keine finanziellen Mittel mehr zur Verfügung. Da allein im Museum Angewandte Kunst noch viele Jahre benötigt werden, um den dem Thema entsprechenden Aufgaben auch im Hinblick auf zukünftige Schenkungen an das Haus nur ansatzweise gerecht zu werden, ist eine Provenienzforschungsstelle für die Bereiche "NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut" und "Kulturgüter aus kolonialen Kontexten" dringend von Nöten.