Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern - assistive Technologien erforschen
Bericht
Personen, die in Pflegeberufen tätig sind, haben u.a. aufgrund von Muskel- und Skeletterkrankungen häufiger und längere Krankheitsausfälle als andere Arbeitnehmende (Klein et al. 2023; Drupp/Meyer 2019). Manuelles Heben und Transferieren von zu pflegenden Personen wird als Hauptursache für Muskel-Skelett-Verletzungen bei beruflich Pflegenden gesehen (Rayssiguie und Eden 2022). Dafür wurde inzwischen eine Vielfalt an Geräten zur Reduktion körperlicher Belastung entwickelt. Allerdings nutzen Pflegende diese Hilfsmittel nicht immer, wenn sie benötigt werden. Als Gründe werden genannt, dass es zeitaufwändig wäre, die Hilfsmittel nicht gut in den vorhandenen Räumlichkeiten zu nutzen wären oder Schwierigkeiten im Umgang mit den Geräten bestünden (Rayssiguie und Eden 2022). Jüngere Entwicklungen unter diesen Hilfsmitteln sind sog. Exoskelette. Diese unterstützen die freie Bewegung von Personen mit Bewegungseinschränkungen und entlasten bei körperlich anstrengenden beruflichen Tätigkeiten. Sie werden über elektrische, sowie seriell-elastische Aktoren und pneumatische Muskeln angetrieben (Klein et al. 2023). Es ist eine Vielzahl an Geräten auf dem Markt: https://wiqqi.de/approach/solutions/approach-exoskelette. Der Tragekomfort und ein unkompliziertes Anlegen spielen für den täglichen Einsatz eine große Rolle (https://www.inqa.de/DE/ueber-uns/projektfoerderung/experimentierraeume/expertise-4punkt0.html). Ein Review von Bär et al. (2021) zeigt allerdings, dass die Muskelaktivität des Trägers in den vom Exoskelett unterstützten Körperbereichen verringert wird. Die Auswirkungen auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden sind noch weitgehend unbekannt. Es mangelt bisher an Studien, die hohen methodischen Kriterien folgen und die Belastung und Beanspruchung des Benutzers auch in Verbindung mit weiteren Parametern untersuchen. Die bisherigen Erkenntnisse zum Einsatz von Exoskeletten wurden in der Regel in Projektkontexten erworben, die entweder Experimentierräume oder kurze Feldphasen vorsahen. In den letzten Jahren wurden immer nutzerfreundlichere Modelle entwickelt, deren Erprobung in langen Feldphasen im realen Arbeitskontext in kontrollierten Studien noch aussteht. Erste Projekte mit Exoskeletten in der Pflege gab es über die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) der BAUA im Rahmen des Projekts EXPERTISE 4.0. (INQA-Experimentierraum "EXPERTISE 4.0" - INQA.de - Initiative Neue Qualität der Arbeit). (Anmerkung: die BAUA ist eine Forschungseinrichtung für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin). Dieses Projekt wurde in den Jahren 2018 bis 2021 umgesetzt. Mittlerweile wurden die Exoskelette weiterentwickelt und es gibt neue Produkte auf dem Markt. 2015 fand im Medizinischen Versorgungszentrum der Agaplesion Frankfurter Diakoniekliniken in Frankfurt am Main eine Studie zum Einsatz von Robotik und Exoskeletten statt: https://www.agaplesion.de/gesundheitskonzern/innovationen/innovationsprojekte/innovationsprojekte-detailansicht/projekt-robotik-in-der-pflege-848. Das Projekt wurde in einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt als Fördermittelgeber und unter anderem der Universität Freiburg und der Firma Locomotec bearbeitet. Dabei werden mobile Robotik Systeme in verschiedenen Einsatzgebieten im Krankenhaus entwickelt und getestet. Drei mögliche Anwendungsfelder wurden getestet:
- Übernahme von Hol- und Bringdiensten durch einen mobilen Roboter. Anforderung über TV oder Tablet-System (Virtual Kiosk): Mithilfe des Virtual-Kiosks konnten Patient:innen vom Bett aus bestimmte Produkte aus der Caféteria bestellen. Nachdem der Roboter die Ware vom Kiosk erhalten hatte, fuhr er automatisch mit der Bestellung zum Lounge Bereich der Station zurück, in dem die gewünschte Bestellung abgeholt werden konnte. Mittels eines automatisch übermittelten Codes konnten die Patient:innen nach der Zahlung mit EC-Karte o. ä. die Ware der Box entnehmen.
- Roboter begleiteten Patient:innen/ Besucher:innen zu Zielorten innerhalb des Hauses. Die Roboter standen auch zur Telekommunikation (skypen) von Angehörigen mit Patient:innen zur Verfügung (Roboter-Guide und Telepräsenzsystem): Der Roboter-Guide diente dazu, Patient:innen und Besucher:innen zu den entsprechenden Abteilungen zu navigieren. Der Empfangsmitarbeitende gab das gewünschte Ziel ein, und der Roboter fuhr automatisch nach Ausführung seines Auftrages an seinen Ausgangspunkt zurück. Der Telepräsenzroboter sollte ermöglichen, dass Patient:innen mit ihren Angehörigen, die weiter entfernt wohnen, via Skype kommunizieren können. Der Roboter ist auch besonders gut für Menschen mit Demenz geeignet, da man die Konversationen immer wieder vorspielen kann.
- Ein Roboter unterstützt beim Tragen oder Transport schwerer Lasten z. B. Krankenhausbetten, Müll, Wäsche (Lastentransport mit Robotern): Der Lastentransport-Roboter erleichtert den Transport schwerer Lasten, z. B. Betten, Wäsche- und Wasserwagen, indem er diese auf die Stationen fährt und die Schiebekraft reduziert. Allerdings wurde der Einsatz von Robotern über den Testbetrieb hinaus nicht fortgeführt. Das Projekt hat sich nach Auswertung der im Testzeitraum gesammelten Daten als nicht zielführend erwiesen. Dies lag unter anderem daran, dass die Systeme als zu langsam und zu zeitaufwändig kritisiert wurden. Befragt wurden Mitarbeitende und Patient:innen. Die Kostenstrukturen sind nicht für alle Produkte bekannt. Für das Exoskelett Hal Lumbar gab es z.B. 2023 ein Mietmodell, bei dem sich die Kosten der Geräte auf ca. 680,- Euro pro Gerät belaufen zzgl. einer Einmalzahlung von 1.000,- EUR pro Gerät. Bei Einsatz mehrerer Modelle werden die Preisspannen angepasst. Exoskelette wurden 2018 in das Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung gemäß § 139 SGB V zur medizinischen Rehabilitation aufgenommen. Für Pflegerobotik wird je nach Ausstattung und Einsatzmöglichkeiten mit Anschaffungskosten von mehreren (zehn)tausend Euro zu rechnen sein. Ob es aktuell von der Hessischen Landesregierung bereitgestellte Fördermittel gibt wäre noch zu prüfen (Studie). Da im Doppelhaushalt 2024/ 2025 keine Mittel veranschlagt sind, wäre eine Finanzierung über die Stadt Frankfurt am Main (Jugend- und Sozialamt) derzeit nicht möglich. Ein Etat-Antrag seitens der Stadtverordnetenversammlung liegt nicht vor. Der Einsatz von Hilfsmitteln und Technik ist in erster Linie durch Kranken- und Pflegekassen zu (re-)finanzieren. Es existiert seit 2021 eine Veröffentlichung des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) zu dieser Thematik: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/B/Bekanntmachungen/2021_06_17_BKM_Robotik_bf.pdf. Roboterassistenten sind bereits, wenn auch bundesweit nur in einigen wenigen Pflegeeinrichtungen, im Einsatz. Sie übernehmen derzeit noch eher niedrigschwellige Aufgaben. Sie erinnern beispielsweise an die Einnahme von Tabletten, helfen beim Heben, sowie in der Bewegungstherapie oder unterstützen an Demenz Erkrankte beim Gehirntraining. Angesichts der Förderung des Bundes und des zu unterstellenden ökonomischen Eigeninteresses der Hersteller und Pflegeheimbetreiber an einer marktreifen Pflegerobotik, wird aus Sicht des Magistrats keine Priorität für den Einsatz städtischer Mittel zur Finanzierung einer Studie gesehen. Für eine Förderung durch die Stadt Frankfurt am Main müssten entsprechende (freiwillige) Haushaltsmittel zur Verfügung gestellt werden. Eine Refinanzierung solcher Projekte kann über das BMG durch staatliche und nichtstaatliche Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, sowie Träger und Einrichtungen des Gesundheitswesens und gemeinnützige Körperschaften erfolgen. Die Frankfurt University of Applied Sciences würde ein Modellprojekt zur Erprobung von Exoskeletten oder anderer Roboter in der Pflege begleiten. Ein mögliches Vorgehen könnte folgendermaßen aussehen: z.B. Laufzeit: 2 Jahre; 6 Monate Vorbereitung des Projektes (Anforderungsanalyse, Klärung datenschutzrechtlicher Fragen, Einholung eines Ethikvotums, Erarbeitung eines Schulungskonzeptes); 15 Monate Einsatz der Exoskelette z.B. vier für einen Wohnbereich; wissenschaftliche Begleitung und Beratung zu Anpassungen; Auswertung der Ergebnisse) Kosten: 250.000,- Euro, die sich in 160.000,- Euro für 1 VZÄ wiss. Mitarbeiter:in für 24 Monate und 70.000,- Euro für die Anmietung von 4 Geräten aufteilen. Die Frankfurt University of Applied Sciences ist in der Studie zur Vorlage E 65 - Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern - Digitalisierung fördern - involviert. In Frankfurt am Main haben mehrere stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen Interesse an der Durchführung eines solchen Vorhabens, ggf. auch mit anderen robotischen Systemen. Für ein konkretes Vorhaben müsste erst Rücksprache mit den Einrichtungsträgern gehalten werden. Dem Magistrat, hier dem Jugend- und Sozialamt, liegen aktuell keine Informationen darüber vor, welche technische Assistenzen im Berufsalltag in den Frankfurter Pflegeeinrichtungen oder im häuslichen Bereich eingesetzt werden. Auch die Ausstattung mit notwendigen technischen/ digitalen Voraussetzungen der Einrichtungen und Anbietern ist nicht bekannt. Weitere Informationen Einen vertieften Einblick zum Stand der Robotik gibt Klein et al. (2023) Robotik in der Gesundheitswirtschaft. Rhön-Stiftung Eugen und Ingeborg Münch (Hrsg.). medhochzwei Verlag. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Zu den Erfahrungen mit einem Telepräsenzroboter: Küsters, L.; Schmidt, M.; Klein, B. (2024) Künstliche Intelligenz im Versorgungskontext von Menschen mit psychischen Erkrankungen: Innovative Ansätze für Betreuung und Unterstützung. In: Klein, B. (Hrsg.): Künstliche Intelligenz im Healthcare-Sektor, Frankfurt am Main,
- Online: https://doi.org/10.48718/1cw9-3c06.